02 · Verstehen
Angst ist kein Fehler. Sie ist ein Schutzsystem.
Angst ist eine der ältesten Funktionen des menschlichen Nervensystems. Sie richtet Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahr und bereitet den Körper darauf vor, zu reagieren. Ohne sie wären wir nicht vorsichtiger, sondern schlicht gefährdeter.
Der schnelle und der prüfende Weg
Im Gehirn werden bedrohlich wirkende Reize auf mehreren Wegen verarbeitet. Ein schneller, grober Weg über die Amygdala ermöglicht eine sehr rasche Reaktion, noch bevor eine bewusste Einschätzung abgeschlossen ist. Ein langsamerer Weg über die Großhirnrinde erlaubt die genauere Bewertung.
Das erklärt eine alltägliche Erfahrung: Der Körper reagiert oft schon, bevor der Verstand sagen kann, dass keine echte Gefahr besteht.
Vgl. Joseph LeDoux, „The Emotional Brain" (1996) sowie „Anxious" (2015).
Kampf, Flucht, Erstarren
Bei akuter Bedrohung stellt der Körper auf Handlungsbereitschaft um: Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, Muskeln spannen an, Aufmerksamkeit verengt sich. Diese Stressreaktion wurde früh als Kampf- oder Fluchtreaktion beschrieben; Erstarren gilt heute als dritte, ebenso normale Reaktionsform.
Der oft genannte „Fawn"-Begriff (Beschwichtigen) stammt aus der populären Ratgeberliteratur und ist kein etablierter Fachbegriff der Stressphysiologie. Wissenschaftlich beschrieben ist dagegen eine soziale Reaktionsform, das sogenannte tend-and-befriend-Muster.
Vgl. Walter B. Cannon (1915/1932) zur Stressreaktion; Shelley E. Taylor et al., Psychological Review (2000) zu tend-and-befriend.
Warum der Körper mitspielt
Körperliche Empfindungen bei Angst sind Folge dieser Aktivierung: Herzklopfen, Enge in der Brust, Schwindel, Zittern, Übelkeit oder das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Sie fühlen sich bedrohlich an, sind aber Ausdruck eines funktionierenden Alarmsystems, nicht eines Defekts.
Werden diese Empfindungen selbst als gefährlich bewertet, kann sich die Anspannung weiter aufschaukeln. Diese Wechselwirkung ist ein zentraler Ansatzpunkt in der kognitiven Verhaltenstherapie.
Vgl. Aaron T. Beck & Gary Emery, „Anxiety Disorders and Phobias" (1985).
Bewertung entscheidet mit
Ob eine Situation Angst auslöst, hängt stark davon ab, wie sie eingeschätzt wird: Wie wahrscheinlich ist etwas Schlimmes? Und traue ich mir zu, damit umzugehen? Diese doppelte Bewertung erklärt, warum dieselbe Situation für zwei Menschen völlig unterschiedlich wirkt.
Vgl. Richard S. Lazarus & Susan Folkman, „Stress, Appraisal, and Coping" (1984).